Ultraschall-Schulungen in Tansania

PD Dr. med. Beatrice Mosimann im Einsatz für die Stiftung für medizinischen Wissenstransfer

PD Dr. med. Beatrice Mosimann ist Leitende Ärztin an der Frauenklinik des Inselspitals. Im November 2020 war sie zum ersten Mal in Tansania, um als Kursleiterin der Stiftung für medizinischen Wissenstransfer (SmW) Ultraschall-Schulungen durchzuführen. Das Motto der Stiftung: »Man lebt erst, wenn man auch ein wenig für andere lebt.« Im Interview erklärt Beatrice Mosimann, wie sie ihren Einsatz in Tansania erlebt hat – und wie Covid-19 ihr Engagement beeinflusst.

«Es ist mir wichtig, etwas von unserem Wissen weitervermitteln zu können»

PD Dr. med. Beatrice Mosimann, leitende Ärztin

Beatrice Mosimann, können Sie das Engagement der Stiftung für medizinischen Wissenstransfer (SmW) genauer beschreiben?

Die Stiftung wurde 2010 von Dr. Walter Gysel und Herrn Simon Bücheler ins Leben gerufen. Initial wurden Ultraschallkurse in verschiedenen Spitälern in Kenia durchgeführt, seit 2014 ebenfalls in Tansania. Interessierte Spitäler kontaktieren die SmW, die Kurs-Organisation liegt jeweils in der Verantwortung des Spitals. Wir von der SmW bringen die Ultraschallgeräte mit und gestalten einen sehr praktischen Kurs vor Ort mit Kurzvorträgen, die von praktischen Übungen begleitet werden. Ursprünglich ging es dabei eher um Notfallmedizin, aber schon seit längerem bestehen die Kurse aus zwei Teilen: in einer Woche wird POCUS (Point of Care Ultrasound) gelehrt, in der zweiten der Schwangerschaftsultraschall.

Gruppenfoto mit dem Spitaldirektor Godlove Mbwanji
Einfache Einrichtung genügt - an solchen Stationen üben Teilnehmende praktische Ultraschalluntersuchungen

Was zeichnet die Arbeit der Stiftung besonders aus?

Das ist sicherlich die Organisation von sehr praktischen Kursen. Praxisorientierte Didaktik liegt uns sehr am Herzen. Wir haben unsere Kurse so aufgebaut, dass wir zwar kurze theoretische Blöcke einbauen, dann aber alle Teilnehmenden immer wieder praktisch in Kleingruppen sowie mit Tutorinnen und Tutoren üben lassen. Nach dem ersten Kursteil müssen die Teilnehmenden in ihrer Klinik weiter üben und diese Befunde korrekt dokumentieren. Ein halbes Jahr später findet erneut ein zweiwöchiger Wiederholungs- sowie ein Abschlusskurs statt. 

Woher kommen die Ultraschall-Geräte und andere notwendige Materialien?

Die Ultraschallgeräte werden von der SmW nach Tansania gebracht. Meist sind es Geräte, die hier in der Schweiz gespendet werden. Zwischen den Kursen verbleiben die Geräte im Land. Die SmW versucht auch günstige, aber noch intakte Geräte an interessierte Teilnehmende zu vermitteln. Vor Ort in Mbeya [eine der zehn größten Städte in Tansania; Anm. d. Red.] gibt es zwar auch eine geburtshilfliche Ultraschallabteilung, allerdings besteht diese gegenwärtig nur aus einem Untersuchungszimmer. Die Geräte dort sind natürlich im Dauereinsatz und können deshalb nicht zu Kurszwecken genutzt werden. 

Für welche diagnostischen Bereiche sind die Geräte und Schulungen relevant? 

Im Bereich der Geburtshilfe versuchen wir den Teilnehmenden die wichtigen Grundlagen beizubringen, also die Bestimmung des Schwangerschaftsalters, die Plazentalage, Mehrlingsdiagnostik, allenfalls die Erfassung von Wachstumsproblematiken, Kindslagebestimmung und vieles mehr. Dabei handelt es sich um Parameter, die den Outcome einer Schwangerschaft massgeblich beeinflussen können. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt zwar, dass jede schwangere Frau eine Ultraschalluntersuchung vor der 24. Woche haben sollte, in Tansania ist dies aber noch längst nicht der Fall. Der Fokus liegt klar nicht auf einer Fehlbildungsdiagnostik wie wir sie hier in Europa kennen, sondern auf den Grunduntersuchungen. Im POCUS-Kurs unterrichten wir Organuntersuchungen in Notfällen – ähnlich wie das hier bei uns in der Schweiz unterrichtet wird. 

Ultraschalluntersuchung einer schwangeren Patientin
Mbeya Zonal Referral Hospital

Warum sind Angebote im Bereich Geburtshilfe so wichtig?

Mit relativ wenig Aufwand können viele schwere Probleme verhindert werden. Wenn man weiss, dass eine Frau zum Beispiel eine Plazenta praevia hat (die Plazenta liegt über dem Muttermund), kann man rechtzeitig eine Entbindung per Kaiserschnitt planen, und man merkt das nicht erst, wenn die Frau mit starken Blutungen ins Spital kommt. Oder ein anderes Beispiel: da das Gestationsalter (der Zeitraum vom ersten Tag der letzten Regelblutung der Mutter bis zur Geburt des Kindes) oft nicht bekannt ist, werden häufig unnötige medizinische Eingriffe durchgeführt, wie beispielsweise zu frühe Einleitungen, weil gemäss der Berechnung eine Terminüberschreitung vorliegt. Das stimmt jedoch nicht. Ein Ultraschall ist ein relativ einfach anwendbares Tool, das mit gewissem Training und mit Wissen eigentlich überall leicht einsetzbar wäre, also auch in den abgelegenen Kliniken und Spitälern.

Sie waren im November 2020 zum ersten Mal für die SmW in Tansania im Einsatz. Was hat Sie zu diesem Engagement bewogen?

Ich wollte schon sehr lange bei einem Projekt dieser Art mitmachen. Es ist mir wichtig, etwas von unserem Wissen weitervermitteln zu können und so hoffentlich auch Frauen helfen zu können, die ansonsten unnötig an Schwangerschaftskomplikationen erkranken oder sogar daran sterben würden. Praxisbasierte Wissensvermittlung ist dafür aus meiner Sicht das Allerwichtigste, und entsprechend hat mich die SmW diesbezüglich sofort überzeugt. 

Werden Sie wieder nach Tansania gehen?

Das ist der Plan. Wie bereits beschrieben, ist die Idee, dass wir die Kurse zweiteilig aufbauen. Der dazugehörige Abschlusskurs für die Gruppe aus Mbeya, wo wir im November 2020 waren, steht noch an. Wir sollten jetzt gerade dort sein, um diesen Teil durchzuführen, aber Covid-19 hat unsere Pläne durchkreuzt – wie bei vielen anderen Global-Health-Akteurinnen und -Akteuren auch. Ich hoffe sehr, dass die Kurse wie gewohnt halbjährlich stattfinden können, sobald sich die pandemische Situation beruhigt hat.


Wie lässt sich Ihr internationales Engagement mit der Anstellung in der Frauenklinik verbinden?

Unser Co-Klinikdirektor Prof. Dr. med. Daniel Surbek hat dieses Projekt von Anfang an gutgeheissen und mir auch die Unterstützung der Klinikleitung zugesagt. Wie wir das Engagement zukünftig en détail umsetzen, hängt zurzeit noch von der unbestimmten Corona-Situation ab, und natürlich wie es mit den Kursen weitergeht.

Teilnehmende Ultraschallkurs mit Abschlusszertifikat